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Sendung am 25.10.2010 Studiogespräch zum Thema Inklusion mit Jakob Herrmann und Peter Hudelmaier-Mätzke

2. November 2010

Es ist des Öfteren die Rede vom ‚dreigliedrigen Schulsystem‘, was jedoch falsch ist. Vergessen werden dabei die sogenannten Sonder- und Förderschulen. Wenn nicht vergessen, werden sie ausgeklammert, als Sonderfall erachtet, der nicht der Norm entspricht. In diesem Denken drückt sich die Vorstellung einer bestimmten ‚Normalität‘ aus, die nicht alle Menschen umfasst. Sie bildet das gedankliche Gegenstück zur realen Trennung.

Normalität wird anhand vieler verschiedener Dimensionen gedacht und in der Praxis organisiert, so gilt beispielsweise Heterosexualität als normal und ein behinderter Körper als nicht-normal. In diesem Studiogespräch mit Peter Hudelmaier-Mätzke und Jakob Herrmann wollen wir einerseits – ausgehend von der Dimension der Behinderung – klären was Menschen erleben, die nicht Teil der gesellschaftlich wirksamen Norm sind und andererseits das Konzept der sozialen Inklusion vorstellen. Peter ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Pädagogischen Hochschule Reutlingen und Jakob ist aktiv in der Landesarbeitsgemeinschaft Selbstbestimmte Behindertenpolitik der Partei die Linke. Beide beschäftigen sich in ihrer Arbeit mit dem Thema Inklusion, wobei Jakob als Blinder zum Umgang mit Behinderung auch aus eigener Erfahrung berichten kann.

Das Konzept der Inklusion stammt aus der pädagogischen Forschung und wendet sich dagegen, dass Leute aufgrund bestimmter Dimensionen von Verschiedenheit aus der Gesellschaft als ‚Unnormale‘ ausgeschlossen werden um sie dann – im Sinne des Konzeptes der Integration – an die ‚Normalität‘ anzupassen. Der Inklusion geht es darum den Umgang mit der Verschiedenheit jedes einzelnen Individuums und das Eingehen auf seine Bedürfnisse als Normalität zu etablieren, in der niemand mehr ausgeschlossen ist, in der die Verschiedenheit als Normalität anerkannt wird.

 

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Ergänzung vom 10.05.2012:
Nach der Sendung habe ich mit einem Freund darüber diskutiert und ihm den Inhalt zusammengefasst. Ich fand seinen Einwand berechtigt, dass in der Vorstellung, Inklusion solle doch herrschen, ein wichtiger Punkt ignoriert wird: Warum wurden und werden Behinderte eigentlich ausgegrenzt? Nur wenn man das weiß, kann man ja beurteilen, ob man weiß, was das angemessene Mittel wäre, diesen Zustand abzuschaffen. Nun lässt sich feststellen, dass es zumindest teilweise schon die Tendenz gibt, Konzepte der Inklusion durchzusetzen. Die zweite Frage ist daher, was der Grund dafür ist, dass jetzt diese Tendenzen zu beobachten sind, was sich also geändert hat, dass heutzutage die Absicht, Behinderten eine gleichere Teilnahme an der Gesellschaft zu ermöglichen, zumindest teilweise an Einfluss gewinnt.
Auf diese Fragen gibt ein Interview in der aktuellen Ausgabe der Strassen aus Zucker Auskunft. Ich zitiere hier den relevanten Teil:

Wie sieht die Ausgrenzung von behinderten Menschen heute
aus? Ich kenne mich da nicht aus, weiß nur, dass es Heime und
Sonderschulen gibt. Warst Du darin?
Nein. Aber dafür mussten meine Eltern auch sehr kämpfen.
Sie wollten, dass ich mit meinen Freund_innen aus der Straße
zusammen zur Schule gehen kann. Dafür musste ich mich aber
zahlreichen Tests unterziehen. Es brauchte viele ärztliche Gutachten.
Und trotzdem war die Einschulung nur auf Probe. Ich
hätte jederzeit aus der Schule genommen und in die Sonderschule
gesteckt werden können. Dass heute viele von „Inklusion“
reden und es keinen Zwang zur Sonderschule mehr gibt, ist
erfreulich. Allerdings kommen viele Schüler_innen mit Behinderung
trotzdem dahin, weil die normalen Schulen sagen, dass
ihnen das zu teuer ist oder dass ihre Lehrer_innen dafür nicht
ausgebildet sind. Abgesehen davon zeigt sich in dieser neuen
Politik auch eine Modernisierung des Kapitalismus.

Was meinst Du damit?
Naja, was als behindert gilt, hat viel damit zu tun, wie die Menschen
vernutzt werden sollen. Menschen, die wenig besitzen,
haben ja eigentlich nur ihren Körper, mit dem sie arbeiten
gehen und so Geld zum Leben verdienen können. Aber was,
wenn diese Arbeitskraft nicht „normal“ funktioniert? Dann gibt
es halt die Frage, wie man mit den als „unproduktiv“ etikettierten
Menschen umgeht. Da war Verwahrung halt das Übliche.
Heute jedoch, wo körperliche Arbeit, jedenfalls in Deutschland,
unwichtiger geworden ist, liegt ja all die „behinderte“ Arbeitskraft
brach. Die kann auch noch nützlich sein. Deswegen kriege
ich zum Beispiel einen Teil meines Autos bezahlt – aber nur,
wenn ich einen Arbeitsvertrag vorweisen kann. Bin ich hingegen
arbeitslos, muss ich nach Meinung des Staates auch nicht
aus der Wohnung raus. Für Fahrten zum Arbeitsamt oder für
Bewerbungsgespräche darf ich dann Taxiquittungen einreichen,
aber ansonsten soll ich halt zu Hause bleiben. Café oder Freund_
innen treffen zählt nicht. Mein erstes Auto bekam ich für die
Uni und streng genommen hätte ich es auch nur für Fahrten
zur Uni verwenden dürfen. Als ich den Abschluss machte, wollte
die Behörde das Auto zurück haben. Daran sieht man: Dass
Behinderte auch vernutzbar sind, ist heute allgemein durchgesetzt.
Und Behinderungen werden genau in dem Maße abgebaut,
wo sie der Vernutzung entgegenstehen. Aber ins Kino soll
ein arbeitsloser Mensch mit Behinderung nach dieser Ansicht
nicht unbedingt gehen.

Aber die Vorstellung: „Die sind behindert“ ist ja nicht nur eine
des Staates. Sondern die meisten Menschen rennen mit Körpernormen
– was „schön“, was „normal“ sei – durch die Welt.
Wie könnte man die auflösen?

Ich glaube, solange Behinderung zuallererst nur mit Schmerz,
Leid und Benachteiligung verbunden wird, wird sich das nicht
ändern. Aber wenn Menschen mit Behinderung als selbstbewusste,
als fröhliche oder auch mal genauso depressive Menschen
wahrgenommen werden und das ein Teil der Normalität
ist, könnte es sich langsam auflösen. Aber dafür müssten eben
erst mal all die gesellschaftlichen Behinderungen weg, all die
Knüppel, die man hier zwischen die Beine oder in die Rolliräder
geworfen bekommt.

Das ganze Interview kann man hier auf den Seiten 17-18 lesen.

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Das Gespräch wurde ausgestrahlt in der Sendung vom 25.10.2010 und der Wiederholung vom 01.11.2010.

Weitere Texte zum Thema Inklusion finden sich hier.

Musik in der Sendung:

David Axelrod & David Mc Callum – The Edge

Placebo – Humpty Dumpty

„Der Reaktion ins Bier spucken” – Aktionstage gegen den 10. Deutschen Akademikertag des CDA/CDK

1. November 2010

Sexismus, elitäres und rechtes Denken, autoritäre Denkmuster und viele weitere Punkte geben Anlass zu Kritik an studentischen (und auch Schüler-) Verbindungen.

Deshalb soll der 10. Deutsche Akademikertag des „Convent Deutscher Corporationsverbände“ und des „Convent Deutscher Akademikerverbände“ am kommenden Wochenende in Frankfurt (Main) nicht unkommentiert/unwidersprochen über die Bühne gehen.

Am 03., 05. und 06. November wird es in Frankfurt und Darmstadt Gegenveranstaltungen gegen den Akademikertag geben. Wir dokumentieren an dieser Stelle den Aufruf mit dem Titel: „Der Reaktion ins Bier spucken – Aktionstage gegen den 10. Deutschen Akademikertag des CDA/CDK“

(weiter…)

Moderation

Für Euch im Studio:

12.05. Julia Reuter & Florentine Fendrich
19.05. Fabian Everding & Markus Jaggo
26.05. Julia Reuter & Florentine Fendrich
02.06. Tobias Kaphegyi

Immer live Montags um 17 Uhr.
Donnerstags hört Ihr die Wiederholung um 11 Uhr.

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